Carbon-Schuhe: Chancen & Risiken von "Supershoes"
Supershoes, oder auch Carbonschuhe genannt, sind im Trend. Die Profis tragen sie, fast jede:r Hobbyläufer:in trägt sie und auch im Triathlon sind sie nicht mehr wegzudenken. Aber machen Supershoes dich wirklich schneller? Und wie sieht es mit dem Verletzungsrisiko aus? Wir beleuchten in diesem Beitrag die Chancen und Risiken des Laufens mit Supershoes.
Immer, wenn eine neue Technologie den Laufsport erreicht, werden Rekorde deutlich verbessert. Einige der markantesten Beispiele dafür sind: Spikes, der Startblock, die Tartanbahn (später der Mondo-Belag) und neuerdings auch die Wavelight-Technologie. Eine Entwicklung, die in der aktuellen Läufergeneration einschlug, wie eine Bombe, sind Supershoes. Seitdem Schuhe mit weichem, responsivem Schaum und einer Carbonplatte in der Sohle Einzug in den Laufsport gehalten haben, fielen alle Weltrekorde von 5000m auf der Bahn bis hin zum Marathon. Damit ist die Notwendigkeit der Verwendung, um auf Weltniveau konkurrenzfähig zu sein, kaum noch wegzudiskutieren. Doch auch im Freizeitsport finden sich in allen Leistungsklassen Läufer:innen mit Carbon am Fuß. Da stellt sich uns als Coaches und Sportwissenschaftler direkt die Frage: Bringt das was und wenn ja, warum?
Machen Supershoes dich schneller?
Supershoes sind in der Lage Einfluss auf die Laufökonomie zu nehmen. Mehrere Studien konnten zeigen, dass im Mittel die Laufökonomie um 2.7-4.1% in Supershoes verbessert ist. Die Laufökonomie gibt an wie viel Sauerstoff du benötigst, um eine bestimmte Geschwindigkeit zu laufen. Verbesserungen in der Laufökonomie führen zu einer direkten Verbesserung der Performance, auch wenn das Ausmaß kleiner ist. Anders formuliert: Du kannst bei gleichem „Aufwand“ eine höhere Geschwindigkeit laufen was sich auch direkt in Wettkampfergebnissen bemerkbar machen kann.
Was macht einen Supershoe aus?
Supershoes zeichnen sich vor allem durch ein leichtes Gewicht aus. Dies wird durch neuartige Mittelsohlenmaterialien, sogenannte PEBA-Schäume ermöglicht. Diese sind in der Lage einen höheren energy return im Vergleich zu traditionellen Schäumen zu ermöglichen. Daneben beinhalten Supershoes ein steifes Element, typischerweise eine Carbonplatte oder Carbonstäbe. Hierbei scheinen die Schäume eine größere Bedeutung hinsichtlich der Laufökonomieverbesserungen zu haben als die Platte. Das letzte Merkmal sind die sogenannten Rocker-Profile, also eine geschwungene Sohlenform, die einen gewissen Vortrieb ermöglichen soll.
Was muss ich beachten?
Während im Mittel die Laufökonomie verbessert wird, konnte gezeigt werden, dass das Ausmaß der Laufökonomieveränderung individuell stark variieren kann. Ergo: Der richtige Supershoe kann dich deutlich schneller machen. Der falsche Schuh könnte dich möglicherweise verlangsamen. Das subjektive Empfinden, ob sich eine Belastung in einem Schuh leichter anfühlt scheint jedoch nicht mit den tatsächlichen Benefits zusammenzuhängen und es gibt Placeboeffekte. Ihr müsst also eigentlich ins Labor, um den besten Schuh für euch zu finden.
Muss ich mich an meinen Supershoe gewöhnen?
Da die Supershoes zu einer veränderten Biomechanik führen (genauere Ausführung unten), scheint es sinnvoll sich an Supershoes zu gewöhnen und zu adaptieren. Umso spannender ist es, dass in einer Querschnittsstudie gezeigt werden konnte, dass Gewöhnung keine Auswirkung auf die akuten Laufökonomiebenefits hat. Eine randomisierte, kontrollierte Studie zu Adaptationseffekten ist gerade in der Durchführung. Möglicherweise könnten sich Adaptationseffekte aber auf langen Strecken positiv auswirken. Bisher konnte nur gezeigt werden, dass bei ungewohnten Supershoes Verluste in der Laufökonomie während Langzeitbelastungen nicht geringer waren als in traditionellen Schuhen.
Das Verletzungsrisiko
Doch selbst wenn du einen Carbonschuh gefunden hast, der für dich gut funktioniert und messbar schneller bist: Es wurden von Verletzungsmustern, die mit der Verwendung von Carbonplattenschuhen assoziiert sind, berichtet.
Zunächst muss ausgeführt werden, dass diese Auswirkungen bei Elite-Athlet:innen beobachtet wurde. Schon zuvor hat man eine Veränderung in den biomechanischen Anforderungen erkannt. So wurde eine niedrigere Schrittfrequenz mit gleichzeitig längerer Flugzeit, größerer Schrittlänge und damit verbundener höherer vertikalen Krafteinwirkung und veränderter Mechanik in Sprunggelenk und Zehengrundgelenk bei der Verwendung von Supershoes beobachtet. Der Erklärungsansatz ist, dass die Carbonplatte die Energie zwischenspeichern und wieder abgeben könne, sodass eine erhöhte Laufökonomie resultiere. Das Zwischensohlenmaterial scheint hierbei besonders zum Energyreturn beitragen.
In dem erschienenen Fallbericht wird von einer Reihe von Sportler:innen berichtet, bei denen ein akuter Fußschmerz nach der Verwendung Supershoes aufgetreten sei mit Stressreaktionen der Fußknochen. So schlussfolgerte man auf der Erkenntnis der früheren Studienergebnisse, dass es zu einer erhöhten Belastung des skeletalen Systems durch vielfältige biomechanische Veränderungen, wie etwa einer erhöhten Verschiebung von Knochen im Fuß (Os naviculare und cuneiforme) und einer Verlagerung der Kräfte auf den Rückfuß, komme. Einen zusätzlichen Beitrag könnten die durch Supershoes realisierbaren höheren Geschwindigkeiten im Training mit daraus resultierender größerer insgesamter Krafteinwirkung haben.
Mit diesem Fallbericht beschreiben die Autoren erstmals Verletzungsmuster, die in möglichem Zusammenhang mit Supershoesn stehen könnten. Sie weisen hierbei darauf hin, dass Supershoes - insbesondere mit der Erfahrung aus dem Trend der Minimalschuhe, deren Verwendung auch zu Knochenstressreaktion geführt hätten - mit Vorsicht zu genießen seien. Auch der Knochen sei ein anpassungsfähiges Organ, dem jedoch auch die nötige Zeit zur Anpassung gegeben werden sollte: Der Wechsel zu Supershoes solle vorsichtig und stufenweise durchgeführt werden und bei typischen Mittelfußsymptomen in Verbindung mit Carbonschuhverwendung sensibel reagiert werden.
Gleichzeitig deuten die ersten Verletzungsstudien eher darauf hin, dass die insgesamte Verletzungshäufigkeit nicht höher oder möglicherweise sogar geringer in den Supershoes sein könnten. Hier wird sich die Datenlage in den nächsten Jahren sicher deutlich verbessern.
Wir hoffen Euch hat dieser Exkurs in die Sportmedizin Freude bereitet und auch Ihr seid bei dem Wechsel zu den Carbonschuhen bzw. Supershoes vorsichtig. Aufgrund des immer breiteren Einsatzes der Schuhe im Freizeitsportbereich und im täglichen Training sehen wir die genannte Studie und den Fallbericht als wichtige und interessante Beiträge an. Kudos an die Studienautoren!
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